Madrid

Anflug auf Madrid. Das Flugzeug befindet sich auf einer Höhe, ungefähr so mittelhalbhoch, die einem nur deshalb vertraut vorkommt, weil man sie aus dem Satellitenansichtsmodus von Google Maps her kennt. Kurz aufwallendes Entmündigungsgefühl in den digitalen Eingeweiden meiner Usermentalität, denn weder kann durch das Drücken eines Buttons oder mittels einer taktilen Zweifingerspreizbewegung der Abstand zum Boden verringert oder erhöht werden noch ist ein Umswitchen in den Kartenmodus möglich, um die Namen der entvölkerten kastilischen Käffer unter mir oder den genauen Verlauf der Hochgeschwindigkeitszugtrasse anzeigen zu lassen. Meine Earth-Wahrnehmung bestimmt allein der Pilot, der sich bei der Startansage in durchgerattertem Spanisch-Englisch als Jesús plus zwei spanische Nachnamen vorgestellt hatte. Auch wenn ich vor hundert Jahren im Rahmen einer aktionistischen Maßnahme aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, finde ich es immer noch sehr beruhigend und begrüßenswert, wenn Menschen mit Vornamen Jesús den Beruf des Piloten ergreifen.

Jesús überfliegt mit uns gerade den Fincagürtel, der Madrid in etwa dreißig Kilometer Entfernung umgibt. Aus dem Boden gestampfte Wochenendhaussiedlungen für die Madrider Mittelklasse, die sich in den neunziger Jahren, in Zeiten eines sich damals schon wahnsinnig anfühlenden Wirtschaftsaufschwungs, kurz mal einredeten, was für eine gute Geldanlage die doofe Finca, draußen in der sonnenverbrannten Steppe, doch sein könnte. Kleine Reihenlandhäuschen mit etwas grüner Rasenfläche um Swimmingpools herum. Überall rechteckige, hellblaue Poolflecken. Direkt an die Siedlungen angrenzend rotbraun-kastilische Kargnatur mit symmetrisch verteilten Olivenbäumen. Perfekt ausgebaute Straßeninfrastruktur, mehrspurige Autobahnen, großzügige Zubringer in Schleifenform. Kaum Verkehr, ein rotes Auto fährt wie in Zeitlupe die Schnellstraße entlang und nähert sich den ersten blockförmigen Großwohnbauten am äußeren Stadtrand Madrids. Enorme Wohnanlagen, die von oben geometrische Muster ergeben, dazwischen eingestreut Lagerhallen, Fabrikhallen, Verwaltungsgebäude, Tankstellen, noch mehr Autobahnen, Schnellstraßen, Zubringer und Verkehrskreisel. Schnell wird einem klar, wer in Spanien vor der Wirtschaftskrise immens reich geworden sein muss: Unternehmen des Hoch-, Tief-, Straßen- und Wohnungsbaus, Immobilienfonds, Banken und Versicherungen.

Das Flugzeug landet und dockt an einer der Fluggastbrücken des relativ neuen und deswegen auch überdimensioniert erscheinenden Terminal 4 des Madrider Flughafens an. Ewiger Fußmarsch, vorbei an zwanzig leeren Gepäckbändern, zur Metrostation. Ein paar Stationen abseits des Flughafens mischen sich die ersten Einheimischen unter die Flugreisenden. Vielleicht liegt es am Empathiebriefing der deutschen Presse, an all den Berichten über die schwierige Situation vieler Spanier, mit und ohne Wochenendfinca, auf jeden Fall meint man eine leicht resignative Aushaltestimmung in der Metro zu spüren. Gemurmelte Gespräche, Rumgewische auf Handydisplays, zwei junge Spanier mit Kapuzenjacken, grauen Sweatpants und weißen Adidas-Sneakern unterhalten sich teilnahmslos über die Fernsehserie The Mentalist.

Überall auf der Welt tragen die Leute dieselben hässlichen Klamotten und unterhalten sich über denselben Mist. Wahrscheinlich finden sie auch noch Burger King besser als McDonald’s, schauen sich Videos von Beyoncé an, backen Cupcakes und würden am liebsten auf den Seychellen Urlaub machen. Jetzt bin ich auch schon ganz resigniert, hasse die Idee der Globalisierung, der uniformierten Lebensvorstellungen und wünsche mir, dass alles überall wieder anders werden muss, wie genau, weiß ich auch nicht, aber vor allem unterschiedlich wäre mal keine schlechte Idee.

Die Metro fährt in die Station Quevedo ein. Schnell raus und ein paar abgewetzte Treppen hoch zum kreisrunden Platz. In der Mitte des Platzes steht eine Francisco de Quevedo darstellende Skulptur auf einem etwas übertriebenen, von halbnackten Steinfrauen umschmiegten Fin-de-Siècle-Sockel. Um das Quevedo-Monument herum fahren Autos im Kreisverkehr und hupen. Quevedo hätte das bestimmt lustig gefunden, seinen Weibersockel und dass er Tag und Nacht von Autos umfahren wird. Trotzdem schaut er ganz streng auf den Platz hinunter. Und das, obwohl er mit seiner Historia de la vida del Buscón einen der lustigsten Romane der barocken Literatur geschrieben hat, wenn nicht gar den allerlustigsten. Die Geschichte eines vagabundierenden kleinen Gauners, der im von Staatsbankrotten geplagten Spanien um 1600 vergeblich versucht, zum Edelmann aufzusteigen und sich mit wenig Erfolg durch das Leben betrügt. Nichts läse ich momentan lieber als ein Buscón-Remake, einen Schelmenroman, der sich dem Wirtschafts-, Internet- und Globalisierungsirrsinn widmet, dem wir seit ein paar Jahren als teilnehmende Beobachter beiwohnen.

WhatsApp-Nachricht von meinem Vater, die wahrscheinlich seine Frau geschrieben hat. „Bist du gut angekommen?“ Dahinter eine Ansammlung von gelben Grinse- und Kuss-Emojis. Und eine Flamencotänzerin und ein Sonnenuntergang. Ich antworte „Pünktlich angekommen. Gehe jetzt in die Pension und komme dann vorbei.“ Mein Vater feiert seinen Geburtstag in Madrid – deshalb bin ich angereist – und wohnt ganz zeitgenössisch in einem weitläufigen Airbnb-Appartment mit zwei Schlafzimmern, kastigem Großsofa, Ikea-Esstisch und Spülmaschine. Ich übernachte altmodisch in einer Pension, in der ich schon ein paar Mal war und die mir in ihrer altertümlichen Spanienhaftigkeit gut gefällt. Die Pension erstreckt sich, wie bei Pensionen so üblich, über eine ganz Etage. Die Pensionswirtsfamilie bewohnt selber ein paar undefinierbare Etagenzimmer und fühlt sich wie zuhause. Es riecht immer nach Essen, und den ganzen Tag wird irgendwo der Steinboden mit einem chlorhaltigen Putzmittel nass aufgewischt. Ich mag spanisches Essen, chlorhaltige Putzmittel und die Rosemary’s-Baby-Stimmung, wenn plötzlich aus dem Halbdunkel ein Pensionswirtsfamilienmitglied erscheint und „Hola qué tal“ zu einem sagt. „Estupendo“ sage ich und schließe mich unauffällig in meinem Pensionszimmer ein.

Das Geburtstagsessen findet in einem altkastilisch aufgerüschten Restaurant statt. Viel dunkles Holz, Keramikteller an der Wand, Fünfhundertwattenergiesparlampen in wagenradgroßen Pseudoantikdeckenleuchten, Blutreiswurst-Tapas und Sherry zur Begrüßung. Ich sitze am Tischende neben meinem ergriffenen Vater und bilde mir ein, etwas traurig und aus Solidarität ebenfalls ergriffen zu sein. Dann bin ich aber doch nicht mehr solidarisch ergriffen, sondern nur noch traurig, denn mein Vater erzählt mir zum hundertsten Mal, wie unzufrieden und unglücklich er während der Ehe mit meiner Mutter, also während meiner Kindheit war. Deutschland in den sechziger Jahren, kein Junggesellenleben mehr, dafür zwei kleine Kinder und eine sehr kinderfixierte, sehr junge deutsche Ehefrau, die die nervigen Kinder unbedingt um neunzehn Uhr ins Bett bringen muss, anstatt mit ihrem jungen Ehemann und dessen Geschäftskollegen noch einen trinken zu gehen. Wenn ich nicht mit ihm verwandt und kein Teil des Problems gewesen wäre, könnte ich ihm vielleicht sagen: „Ja, war schon okay, dass du dich getrennt hast.“ Aber ich sage nichts und drücke nur seine Hand.

Auf dem Weg zurück zur Pension an mehreren eigen- und gleichartigen Straßenkünstlerdarstellern vorbeigekommen, die sich alle etwas schäbig weiß geschminkt haben und unter großen schwarzen Leintüchern am Boden sitzen, in die Öffnungen eingearbeitet sind. Links und rechts der weißen Fratze ragen auf Stöcken angebrachte, selbstgebastelte Tierköpfe aus den Öffnungen, die möglicherweise einen Wolf darstellen sollen. Der sogenannte Straßenkünstler verharrt zunächst eine ganze Weile bewegungslos am Boden kauernd, um dann plötzlich mit einem wahnsinnigen Schrei die Tierkopfstöcke nach vorne in Richtung der vorbeigehenden Passanten zu stoßen. Das Geschrei der zu Tode erschrockenen Passanten ist ungefähr genauso laut wie das Gebrüll des weißgeschminkten Wolfmanns. Interessante Geschäftsidee: Einfach mal die sowieso schon heruntergewirtschafteten, erschreckten Spanier noch mehr verschrecken, in der Hoffnung, damit etwas Geld zu verdienen. Aber das Geld werfen sowieso nur die dem Spektakel beiwohnenden Zuschauer in den vor dem Wolfsmann aufgestellten Starbucks-Becher. Mitwisser, die den Trick schon kennen und gutgelaunt darauf warten, dass das nächste Opfer in die Falle geht. Aus Dankbarkeit, nicht zu den Opfern zu gehören, lege auch ich eine Ablassmünze in den Becher und verschwinde in einem der Eingänge zur Metrostation Sol, die letztes Jahr gegen eine Zahlung von drei Millionen Euro in Vodafone Sol umbenannt wurde.

Paris

Ich stehe vor der Joghurtwand eines Pariser Supermarkts. Sieben Meter Joghurtprodukte neben- und übereinander, mit und ohne Fruchtgeschmack, in allen Fettstufen, von Kuh oder Ziege, biologisch oder normal, mit proaktiven Kulturen oder undeklariert, einzeln erhältlich oder im 16er-Pack. Die Frau, hinter der ich später fünfzehn Minuten an der Kasse stehen werde, weil sie für über vierhundert Euro Lebensmittel, Toilettenpapier, Schreibwaren, einen Schal, die Taschen-buchausgabe von Cinquante Nuances de Grey, einen Kochtopf, zwei Flaschen Champagner, ein schwarzes Negligé, eine Tischdecke und einen plumpen Brotkorb gekauft hat, stopft zwei 16er-Packs Fruchtjoghurt in ihren riesigen schwarzen Einkaufstrolley, während sie mit ihrem schulpflichtigen Kind telefoniert. Ich bewundere ihre Entschlusskraft, kann mich aber für kein Milchprodukt entscheiden und wende mich der gegenüberliegenden, gleich langen Nachspeisenwand zu. Die erstbeste Crème Caramel im Glas-Zweierpack wandert in den Einkaufskorb. Der Supermarkt-Voyeurismus muss ein Ende haben.

Es regnet und es ist kalt. Aber der Sommerabend vor drei Monaten, an dem ich nach fünf Tagen Paris-Beballerung mit anderen verstrahlten Touristen auf einer der Seine-Brücken stand und heimlich ein bisschen weinen musste, weil mir die von einer Indio-Kapelle dargebotene Panflöten-Version des Abba-Songs I have a dream so ungeheuer schön und wahr vorkam, brutzelt noch immer in mir. Es regnet und es ist kalt und ich fahre Metro. Da ich noch immer angebrutzelt bin, finde ich, dass der Metro-Fahrer ganz besonders schön und wahr die Station “Père-Lachaise” ansagen kann. Mit dem stimmhaftesten “s” und dem romantischstem halbverschluckten “e”, das ich jemals gehört habe. Er sollte Radio- oder Regierungssprecher werden, aber Metrofahrer ist eigentlich auch okay.

Zusammen mit ein paar regenresistenten Ausländern irre ich auf dem Père-Lachaise-Friedhof herum. Wir suchen alle irgendwelche Gräber und versuchen, dabei möglichst un-manisch rüberzukommen. Ein amerikanisches Paar fragt mich nach dem Weg zum Grab Edith Piafs, das auf meiner Grabstätten-To-Do-Liste natürlich überhaupt nicht vorkommt. Linkisch fingere und wische ich auf der gerade heruntergeladenen Père-Lachaise-App mit GPS- und Wiki-pedia-Anbindung herum und gebe genaue Links-Rechts-Instruktionen. Ich frage mich, ob Edith Piaf wohl jemals die Père-Lachaise-App selber hätte bedienen können, deren fester Bestandteil sie später einmal werden sollte. Wahrscheinlich nicht. Eher schon Oscar Wilde, an dessen Grabmal ich zufällig vorbeikomme. Es ist von hohen Glaswänden umgeben, damit die Leute es nicht mehr vollküssen oder mit Edding besudeln können. Erschreckend unterdimensioniert hingegen die Gräber von Marcel Proust und Gustave Caillebotte. Schicksal Familiengrab, sollte man besser vermeiden. Geil über-dimensioniert das Grabmal Louis-Auguste-Félix de Beaujours, französischer Generalkonsul unter Napoleon in den USA. Ein zwanzig Meter hohes, schornsteinähnliches Monster, das in völliger Unverbundenheit zu allen anderen Grabstätten in zweiter Reihe etwas größenwahnsinnig herumsteht und auf seine GPS-Ortung wartet.

Antwerpen

Sonntags dann hinübergelaufen zum kürzlich eröffneten Museum am alten Hafen, um den herum alles neu gebaut und Altvorhandenes renoviert wurde. Alte Lagerhallen, in deren Obergeschossen sich nun Großraumbüros befinden. In den Erdgeschossen Cafés, Sushibars und Schnickschnackläden, in denen Leute wie ich sitzen, Cappuccino trinken und sich japanische Kugelschreiber in Neonfarben kaufen. Daran angrenzend ein Yachthafen mit Holiday-Inn-Hotels im Alexanderplatz-Style. Man will das alles nicht richtig schön finden, auch wenn man Antwerpen durchaus das Recht zugesteht, aus mehr als aus barocken Giebelhäuschen und Sechziger-Jahre-Apartmentbauten bestehen zu wollen.

Die populäre Hauptattraktion des neuen Museums stellt eine kostenlos zugängliche Dachterrasse dar, die über mehrere Rolltreppen zu erreichen ist und sich vor allem bei Gehbehinderten und über Achtzigjährigen großer Beliebtheit erfreut. Alle schauen in Richtung historisches Stadtzentrum und zeigen sich gegenseitig Sehenswürdigkeiten, die sie auch von oben erkennen. Nur ich schaue zu dem weniger attraktiven Stadtteil hinüber, in dem sich mein Hotel befindet.

Im Lichthof und Raucherbereich meines sogenannten Apartmenthotels sitzen ukrainische Wanderarbeiter mit nacktem Oberkörper und spielen schweigend ein mir unbekanntes Brettspiel mit dominoähnlichen Steinen. Unsere heimliche Abmachung lautet: Wir grüßen uns nicht, lassen uns gegenseitig in Ruhe, finden uns weder sexy noch intellektuell interessant und werden uns nie wiedersehen. Ich durchquere zügig den Lichthof und fahre mit dem Aufzug nach unten. Vor dem Eingang sitzt die Frau aus der Rezeption mit ein paar Russen auf dem Boden und winkt mir zu. Ich winke zurück. Ungefähr so wie man jemandem zuwinkt, den man fünf Jahre nicht mehr gesehen hat. Es winkte einfach so aus mir heraus. Das Winken des Alleinreisenden.

Auf dem großen, von Bushaltestellen umstandenen Platz in der Nähe des Hotels steht ein Zirkuszelt und beschallt die Umgebung mit einer Blasorchesterfassung von “Lambada”. Zwischendurch brüllt jemand “hoppa hoppa” in ein Mikrofon. Um das Zirkuszelt herum spielen belgo-kongolesische und belgo-tunesische Kinder Fußball in der Dämmerung. Am Nebentisch im Straßencafe sitzen ein paar hereingentrifizierte Viertelintellektuelle mit legeren Sakkos und trinken eine spezielle Sorte Bier, die ich natürlich auch gerne bestellt hätte, wenn ich denn gewusst hätte, wie sie heisst. Aber normales Bier ist auch okay.

Sonntagmittag erwache ich in meinem Hoteldoppelbett, das ich nur zur Hälfte benutze. Ich überlege mir, ob es mich deprimieren soll, dass ich es nur zur Hälfte benutze. Man könnte sich auch mittig legen, um eine Komplettausnutzung des Bettes zu simulieren. Ich bilde mir ein, von draußen ein von Spielsteinen verursachtes Klickgeräusch zu hören. Könnte aber auch was anderes sein. Auf der breiten Armlehne des perlmuttfarbenen Kunstledersofas, das ich zum Nachttisch umgewandelt habe, liegen eine Eintrittskarte für die Oper, eine Wagamama-Rechnung und eine Streichholzschachtel mit dem Logoaufdruck der Kaschemme, die ich in der Morgendämmerung verlassen habe. Da war ich wohl gestern überall, ohne gepeinigt, ausgezogen, angefallen, abgewürgt oder gefressen worden zu sein. Gleich laufe ich hinüber, zum neuen Museum am alten Hafen.

Hamburg

Ich habe jetzt genug Gerhard-Richter-Ausstellungen gesehen und kann endlich und bis an mein Lebensende damit aufhören. Vielen Dank, Gerd, es war schön mit Dir, aber andere Mütter haben auch schöne, schön malende, ein Meter siebzig große Söhne mit hellblauen Augen. In der Ausstellung “Gerhard Richter. Bilder einer Epoche” im Hamburger Bucerius Kunst Forum, getrennt geschrieben, außer mir noch viel ältere Menschen, die sich für Kunst interessieren und mit geleasten Audioguides durch die Ausstellung torkeln. Die Leute immer mit ihrer Manie, sich alles ständig erklären lassen zu müssen. Die Panik, womöglich mal etwas nicht komplett zu verstehen. Alles muss einem schön vorgelesen und schlüssig dargelegt werden, daher kommt dies, und das sollte eigentlich so, denn andere haben das nämlich auf diese Weise undsoweiter. Hauptsache man fängt nicht versehentlich damit an, sich mit etwas Gesehenem selbständig zu beschäftigen, so ganz ohne sonore Besserwisserstimme im Ohr. Es könnten ja Fragen offen bleiben, oder noch schlimmer: Zweifel könnten einem den ganzen wunderbaren polaren Sonnentag versauen. Zu den so genannten “unscharfen” Richter-Bildern möchte ich noch doof erwähnen, dass bereits die ebenfalls in Glasvitrinen aufwändigst zusammengetragenen Zeitschriftenvorlagenfotos [ich hasste sofort den Aha-Wiedererkennungseffekt, den ich aber auch schon zu oft gesehen hatte] eine nicht unerhebliche Unschärfe aufweisen. Außerdem verstehe ich generell und besserwisserisch unter “Epoche” [wie in „Bilder einer Epoche“] einen längeren Zeitraum als acht Jahre. Bei Picasso zum Beispiel nannte man sowas noch kleinkotzig “Phase”. Egal. Nein, doch nicht egal. Was soll das alles?

Abends wieder abgeregt in die Laeiszhalle gerannt. Liszt-Klavierkonzerte mit Daniel Barenboim am Klavier und den Hamburger Symphonikern, dirigiert von Simone Young. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch nie eine Frau ein großes Sinfonieorchester habe dirigieren sehen. Im Jahr 2011. Mit etwas über 40. Der Gedanke und diese Tatsache beschämten mich so sehr, dass sich großer Weltschmerz gepaart mit vehementer Melancholie im Handumdrehen einstellten. Beste Voraussetzung für Klavierkonzerte. Haut dann rein wie Sau. Und als ich zusätzlich noch bemerkte, dass einige der Zuschauer in den hintersten Reihen des gegenüberliegenden ersten Rangs während des gesamten Konzerts vor ihren Sitzplätzen standen, um das Orchester und den Pianisten besser zu sehen, war ich davon so gerührt, dass ich Barenboims virtuose Liszt-Fingerchen nur noch in epochaler Gerhard-Richter-Manier verschwommen die Tastatur hinauf- und hinunterflitzen sah.

Nachts las ich in meinem schäbigen Einzelzimmer im Hotel mit der schönen Fassade Virginia Woolfs “Die Wellen” und erfreute mich an ihrer verzirbelten Sprache:

“Die Sonne legte breitere Klingen über das Haus. Das Licht berührte etwas Grünes im Fensterwinkel und machte daraus einen Smaragdklumpen, eine Höhlung reinen Grüns gleich einer kernlosen Frucht. Es schärfte die Kanten von Tischen und Stühlen und bestickte weiße Tischtücher mit feinem Golddraht. Als das Licht stärker wurde, barst da und dort eine Knospe und schüttelte eine Blüte hervor, eine grüngeäderte, die bebte, als hätte die Anstrengung des Aufbrechens sie in Schwingungen versetzt und sie ließe ein leises Läuten ertönen, als sie mit zartem Klöppel an die weiße Wandung schlug. Alles wurde formlos weich, als verflüssigte sich das Porzellan der Teller und auch der Stahl der Messer. Unterdessen traf der Anprall der sich brechenden Wellen das Ufer mit dumpfen Schlägen wie von kollernden Baumstämmen.”

1980

Es ist 1980, Spätherbst, 19.30 Uhr. Alles was länger als dreißíg Jahre zurückliegt, lässt sich nicht mehr auf Wochentage, Werktage, Wochenenden spezifizieren. Was bleibt sind Jahreszahlen, Jahreszeiten, Uhrzeiten, Gedächtnislücken und Vitaverfälschungen. Und Amerikanismen wie „Es ist 1980“ statt „Man schreibt das Jahr 1980“. Ein weiterer Amerikanismus besteht darin, dass ich 1980 um 19.30 Uhr in einer McDonald’s-Filiale einer deutschen Großstadt stehe. Hinter der Kasse. In einer dunkelblauen McDonald’s-Uniform. In einem zu weiten Oberteil mit ein paar gelb-blauen Streifen im Schulterbereich. In zu kurzen, wie Chinos geschnittene Hosen. Ich bin sehr jung, dünn und groß, passe schlecht in amerikanische Normgrößenkleidung, habe wenig Geld und arbeite schlechtbezahlt im ersten und einzigen McDonald’s der Stadt. Sechs Mark pro Stunde plus eine Mahlzeit pro Schicht im Wert von fünf Mark. Das sind entweder zwei Cheeseburger und eine große Pommes und eine mittelgroße Cola oder ein Big Mac und eine kleine Pommes und eine kleine Cola. Bescheißen geht nicht, weil ich mein Pausentablett dem Restaurantmanager zeigen muss, bevor ich in den Aufenthaltsraum im ersten Stock darf.

Der Restaurantmanager ist Mitte dreißig, trägt einen Schnauzbart, sieht ganz gut aus und wird vier Jahre später an AIDS sterben. Zum Glück weiß er das jetzt noch nicht. Deshalb ist er noch gut gelaunt, schaut nicht richtig auf das Tablett und sagt „okay“. Im Aufenthaltsraum im ersten Stock sitzt Herr Singh vor seinem Tablett mit drei Apfeltaschen. Herr Singh ist Pakistani, kann kein Deutsch, nur Englisch, und darf deshalb nicht an der Kasse arbeiten. Wer nicht an der Kasse arbeitet, muss die Scheißjobs machen: Burger grillen, Burger verpacken, Apfel¬taschen frittieren, in der Tiefkühlkammer arbeiten und wenn das Restaurant um Mitternacht schließt, bis morgens um vier die Grillplatten, die Fritteusen und den fetttriefenden Küchenboden putzen. Herr Singh ist immer gut gelaunt, lacht viel und macht Witze auf Englisch, die man oft nicht versteht. Er ist politischer Asylant und erzählt oft von seiner Familie, von unzähligen Nichten, Cousinen, Geschwistern, Onkeln und Tanten, die er in Pakistan zurücklassen musste und mit seinem McDonald’s-Gehalt finanziell unterstützt. Dann ist die Pause auch schon vorbei, Herr Singh zieht sich einen Parka an, verschwindet in die Tiefkühlkammer und ich stehe wieder an der Kasse.

Mir ist langweilig. Aus den Lautsprechern im Restaurant plätschert nervige Instrumentalmusik, goldene Evergreens oder sowas ähnliches. Bei der letzten Mitarbeiterversammlung hatte meine Kollegin Marion vorgeschlagen, ob sie nicht mal ein paar Kassetten mit Discomusik mitbringen dürfte. Sie fände die – wie sie es nannte – „Fahrstuhlmusik“ zum Kotzen. Der Restaurantmanager lehnte ihren Vorschlag ab. Es gäbe Vorgaben aus Amerika und keinesfalls dürfe andere Musik gespielt werden. Außerdem wäre das Kassettenformat ein anderes. Dann ergreift der Assistent des Managers das Wort. „Apropos Kassetten“, sagt der Managerassistent, „die neuen Betamax-Schulungsvideos für das Kassenpersonal sind diese Woche eingetroffen und müssen angeschaut werden.“ Marion verdreht die Augen.

Der Managerassistent ist blond, hat wulstige Lippen, sieht nicht so gut aus, ist aber trotzdem schwul. Zwei Jahre später wird er wegen Unterschlagung und Diebstahl von der Polizei gesucht, aber nicht gefunden. Er wird sich nämlich zusammen mit dem Restaurantmanager und sehr viel Geld ins Ausland abgesetzt haben. Eine Entscheidung, zu der man dem Restaurantmanager in Anbetracht seiner kurzen Lebenserwartung nachträglich nur gratulieren kann. Jetzt sind beide aber noch da, fälschen die Kassenbücher und spendieren mir nach Feierabend in der Schwulendisco immer Longdrinks. „Auf der Arbeit“, raunt mir der Restaurantmanager in der Schwulendisco ins Ohr, „müssen wir uns aber wieder siezen.“ Es ist 1980, Spätherbst, 19.30 Uhr. Ich stehe neben Marion an der Kasse, sieze den Restaurantmanager und wippe zu einer Violinenversion von „There’s a kind of hush“ mit dem Fuß, während Herr Singh tiefgefrorene Pommes Frites in die Fritteuse kippt. Es stinkt nach Fett, ich sehe in der blauen Uniform beschissen aus und mir ist langweilig, aber irgend¬wie passt alles ganz gut zusammen.

A single man

Gehorsam windet sich der Körper aus dem Bett, zuckt zusammen unter einem stechenden Schmerz im arthritischen Daumen und im rechten Knie, spürt ein leichtes Übelsein vom Magen her und schlurft nackt ins Badezimmer. Dann tritt es vor den Spiegel. Was es dort zu sehen bekommt, ist weniger ein Gesicht als der Ausdruck einer Verlegenheit. Hier steht geschrieben, was es sich angetan hat, was achtundfünzig Jahre an Spuren hinterlassen haben, ausgedrückt in einem gequälten, abgestumpften Blick, einer vergröberten Nase, einem Mund, der – wie in Verbitterung über die eigenen Giftstoffe – in den Winkeln heruntergezogen ist, eingefallenen Wangen und einem in winzigen runzeligen Falten schlaff hängenden Hals. Der gequälte Blick gehört einem bis zur Verzweiflung erschöpften Renner oder Schwimmer – noch ist das Rennen nicht zu Ende. Die Kreatur, die wir vor uns haben, wird weiter kämpfen und kämpfen, bis sie fällt, nicht weil sie heroisch ist, sondern weil sie sich eine Alternative nicht vorstellen kann. Während es in den Spiegel starrt, erkennt es vielerlei Gesichter auf seinem Gesicht – das Antlitz des Kindes, des Knaben, des jungen und des nicht mehr ganz so jungen Mannes – sie alle sind noch da; bewahrt und konserviert wie Fossilien auf überlagerten Schichten und ebenso tot wie Fossilien. Ihre Botschaft an diese bei lebendigem Leibe absterbende Kreatur heißt: Blick uns nur an – wir sind gestorben – was ist daran so Angst errgegend?
Und es antwortet: Aber das ging so unmerklich, so leicht.

aus: Christopher Isherwood: Der Einzelgänger, 1964

A single man in Madrid in einer Nachmittagsvorstellung im Kino gesehen. Zusammen mit ganz vielen Rentnerinnen. Ich liebe madrilenische Rentnerinnen. Sie gehen im Kostüm und geschminkt in Filme in Originalfassung mit spanischen Untertiteln und danach trinken sie Kaffee und Brandy in irgendeiner Schmuddel-Bar mit LCD-Fernsehern. Der Film ist nicht schlecht bis ganz gut, obwohl Tom Ford Regie geführt hat. Weil Tom Ford Regie geführt hat, ist der Film etwas überausgestattet, und man hat den Eindruck, Ford wollte den Film noch richtiger, authentischer und schöner machen als drei Staffeln Mad Men zusammen. [Jon Hamm aka Don Draper darf auch als Telefonstimme mitmachen und dem Protagonisten die Todesnachricht übermitteln]. Der Protagonist, sehr gut gespielt von Colin Firth, bewohnt einen wunderbar edelverholzten, geradlinigen, geometrisch-teilverglasten Wallpaper-Bungalow, bei dessen Anblick der Betreiber des Blogs Unhappy Hipsters wahrscheinlich 24 Stunden am Stück kotzen müsste. Aber die spanischen Rentnerinnen und ich fanden den Bungalow schön. Und schließlich ist ja der leidende Protagonist nun mal ein unhappy Hipster der Sechziger Jahre. Julianne Moore spielt die Tanqueray-trinkende Jugendfreundin, spricht mit englischem Akzent und macht ihre Sache ganz gut. Vielleicht wäre eine weniger bekannte Schauspielerin die bessere Besetzung gewesen. Ich persönlich habe mich an Julianne Moore nun endgültig übersehen. [Mir kurz überlegt, ein Yes/No-Entscheidungsdiagramm für schwule Regisseure zu entwerfen, bei dem am Ende herauskommt, welche Schauspielerin die einzige weibliche Rolle im Film übernehmen soll: Cate Blanchett, Julianne Moore, Tilda Swinton oder Charlotte Rampling.] Der male beauty wird erwartungsgemäß nicht zu knapp gehuldigt: Jungstudenten in weißen Mohairpullovern, ein paar Schwimm- und Duschszenen, Jon Kortajarena [Jon Kortajarena Redruello, born 19 May 1985 in Bilbao, Spain, is a Spanish male model. Known for his distinguishing chiseled cheekbones, piercing stare, and full pout.] im weißen James-Dean-Shirt. Aber alles schön kadriert und in Szene gesetzt. Aber alles zu schön kadriert und zu schön in Szene gesetzt.]

Edle Handys

Der Handykauf treibt mich wie jedesmal, wenn ich mir ein Handy kaufen musste und wollte, in den Wahnsinn. Die Benutzung des deutschen Wortes „Handy“ natürlich auch, aber daran hat man sich schon gewöhnt. Und gut, ich spreche nun mal Deutsch und man will sich mit seinen Mitmenschen und ein paar Ohnemenschen ab und zu verständlich verständigen. Über Handys, Gefühlszustände, Steuerbescheide und Gated Communities. Das iPhone kommt schon mal aus ideologischen Gründen nicht in Frage. Sich jetzt ein iPhone zu kaufen, wäre so ähnlich, wie jetzt nach Berlin zu ziehen. Eigentlich sogar so, wie jetzt nach Berlin zu ziehen und dort eine Galerie zu eröffnen. Oder ein Tagescafe in Kreuzkölln, in dem es dann Flammkuchen und Frozen Chai Latte gibt. Alternativ also vielleicht ein Android-Handy mit den Nachteilen: sieht scheiße aus und hat eine beschissene Kamera mit einer beschissenen Videoauflösung. Nachdem ich tausend Handy-Testberichte von heterosexuellen jungen Online-Redakteuren gelesen habe, deren Lieblingsadjektiv „edel“ ist (sieht edel aus, ist edel verarbeitet, fühlt sich edel an, hat ein edles Aluminiumcase undsoweiter), möchte man sowieso alles nur noch scheiße und beschissen finden und steigt voll in die Hassspirale ein. Auch schlimm: Handy-Video-Reviews auf Youtube. Tipp für Reviewproduzenten-Einsteiger: Eure Finger sind faustgroß zu sehen, vielleicht also doch mal vorher zur Maniküre gehen und sich Hautfetzen, Nikotinverfärbungen und schrundige Nagelränder professionell entfernen lassen.