Paris

Ich stehe vor der Joghurtwand eines Pariser Supermarkts. Sieben Meter Joghurtprodukte neben- und übereinander, mit und ohne Fruchtgeschmack, in allen Fettstufen, von Kuh oder Ziege, biologisch oder normal, mit proaktiven Kulturen oder undeklariert, einzeln erhältlich oder im 16er-Pack. Die Frau, hinter der ich später fünfzehn Minuten an der Kasse stehen werde, weil sie für über vierhundert Euro Lebensmittel, Toilettenpapier, Schreibwaren, einen Schal, die Taschen-buchausgabe von Cinquante Nuances de Grey, einen Kochtopf, zwei Flaschen Champagner, ein schwarzes Negligé, eine Tischdecke und einen plumpen Brotkorb gekauft hat, stopft zwei 16er-Packs Fruchtjoghurt in ihren riesigen schwarzen Einkaufstrolley, während sie mit ihrem schulpflichtigen Kind telefoniert. Ich bewundere ihre Entschlusskraft, kann mich aber für kein Milchprodukt entscheiden und wende mich der gegenüberliegenden, gleich langen Nachspeisenwand zu. Die erstbeste Crème Caramel im Glas-Zweierpack wandert in den Einkaufskorb. Der Supermarkt-Voyeurismus muss ein Ende haben.

Es regnet und es ist kalt. Aber der Sommerabend vor drei Monaten, an dem ich nach fünf Tagen Paris-Beballerung mit anderen verstrahlten Touristen auf einer der Seine-Brücken stand und heimlich ein bisschen weinen musste, weil mir die von einer Indio-Kapelle dargebotene Panflöten-Version des Abba-Songs I have a dream so ungeheuer schön und wahr vorkam, brutzelt noch immer in mir. Es regnet und es ist kalt und ich fahre Metro. Da ich noch immer angebrutzelt bin, finde ich, dass der Metro-Fahrer ganz besonders schön und wahr die Station “Père-Lachaise” ansagen kann. Mit dem stimmhaftesten “s” und dem romantischstem halbverschluckten “e”, das ich jemals gehört habe. Er sollte Radio- oder Regierungssprecher werden, aber Metrofahrer ist eigentlich auch okay.

Zusammen mit ein paar regenresistenten Ausländern irre ich auf dem Père-Lachaise-Friedhof herum. Wir suchen alle irgendwelche Gräber und versuchen, dabei möglichst un-manisch rüberzukommen. Ein amerikanisches Paar fragt mich nach dem Weg zum Grab Edith Piafs, das auf meiner Grabstätten-To-Do-Liste natürlich überhaupt nicht vorkommt. Linkisch fingere und wische ich auf der gerade heruntergeladenen Père-Lachaise-App mit GPS- und Wiki-pedia-Anbindung herum und gebe genaue Links-Rechts-Instruktionen. Ich frage mich, ob Edith Piaf wohl jemals die Père-Lachaise-App selber hätte bedienen können, deren fester Bestandteil sie später einmal werden sollte. Wahrscheinlich nicht. Eher schon Oscar Wilde, an dessen Grabmal ich zufällig vorbeikomme. Es ist von hohen Glaswänden umgeben, damit die Leute es nicht mehr vollküssen oder mit Edding besudeln können. Erschreckend unterdimensioniert hingegen die Gräber von Marcel Proust und Gustave Caillebotte. Schicksal Familiengrab, sollte man besser vermeiden. Geil über-dimensioniert das Grabmal Louis-Auguste-Félix de Beaujours, französischer Generalkonsul unter Napoleon in den USA. Ein zwanzig Meter hohes, schornsteinähnliches Monster, das in völliger Unverbundenheit zu allen anderen Grabstätten in zweiter Reihe etwas größenwahnsinnig herumsteht und auf seine GPS-Ortung wartet.