Madrid

Anflug auf Madrid. Das Flugzeug befindet sich auf einer Höhe, ungefähr so mittelhalbhoch, die einem nur deshalb vertraut vorkommt, weil man sie aus dem Satellitenansichtsmodus von Google Maps her kennt. Kurz aufwallendes Entmündigungsgefühl in den digitalen Eingeweiden meiner Usermentalität, denn weder kann durch das Drücken eines Buttons oder mittels einer taktilen Zweifingerspreizbewegung der Abstand zum Boden verringert oder erhöht werden noch ist ein Umswitchen in den Kartenmodus möglich, um die Namen der entvölkerten kastilischen Käffer unter mir oder den genauen Verlauf der Hochgeschwindigkeitszugtrasse anzeigen zu lassen. Meine Earth-Wahrnehmung bestimmt allein der Pilot, der sich bei der Startansage in durchgerattertem Spanisch-Englisch als Jesús plus zwei spanische Nachnamen vorgestellt hatte. Auch wenn ich vor hundert Jahren im Rahmen einer aktionistischen Maßnahme aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, finde ich es immer noch sehr beruhigend und begrüßenswert, wenn Menschen mit Vornamen Jesús den Beruf des Piloten ergreifen.

Jesús überfliegt mit uns gerade den Fincagürtel, der Madrid in etwa dreißig Kilometer Entfernung umgibt. Aus dem Boden gestampfte Wochenendhaussiedlungen für die Madrider Mittelklasse, die sich in den neunziger Jahren, in Zeiten eines sich damals schon wahnsinnig anfühlenden Wirtschaftsaufschwungs, kurz mal einredeten, was für eine gute Geldanlage die doofe Finca, draußen in der sonnenverbrannten Steppe, doch sein könnte. Kleine Reihenlandhäuschen mit etwas grüner Rasenfläche um Swimmingpools herum. Überall rechteckige, hellblaue Poolflecken. Direkt an die Siedlungen angrenzend rotbraun-kastilische Kargnatur mit symmetrisch verteilten Olivenbäumen. Perfekt ausgebaute Straßeninfrastruktur, mehrspurige Autobahnen, großzügige Zubringer in Schleifenform. Kaum Verkehr, ein rotes Auto fährt wie in Zeitlupe die Schnellstraße entlang und nähert sich den ersten blockförmigen Großwohnbauten am äußeren Stadtrand Madrids. Enorme Wohnanlagen, die von oben geometrische Muster ergeben, dazwischen eingestreut Lagerhallen, Fabrikhallen, Verwaltungsgebäude, Tankstellen, noch mehr Autobahnen, Schnellstraßen, Zubringer und Verkehrskreisel. Schnell wird einem klar, wer in Spanien vor der Wirtschaftskrise immens reich geworden sein muss: Unternehmen des Hoch-, Tief-, Straßen- und Wohnungsbaus, Immobilienfonds, Banken und Versicherungen.

Das Flugzeug landet und dockt an einer der Fluggastbrücken des relativ neuen und deswegen auch überdimensioniert erscheinenden Terminal 4 des Madrider Flughafens an. Ewiger Fußmarsch, vorbei an zwanzig leeren Gepäckbändern, zur Metrostation. Ein paar Stationen abseits des Flughafens mischen sich die ersten Einheimischen unter die Flugreisenden. Vielleicht liegt es am Empathiebriefing der deutschen Presse, an all den Berichten über die schwierige Situation vieler Spanier, mit und ohne Wochenendfinca, auf jeden Fall meint man eine leicht resignative Aushaltestimmung in der Metro zu spüren. Gemurmelte Gespräche, Rumgewische auf Handydisplays, zwei junge Spanier mit Kapuzenjacken, grauen Sweatpants und weißen Adidas-Sneakern unterhalten sich teilnahmslos über die Fernsehserie The Mentalist.

Überall auf der Welt tragen die Leute dieselben hässlichen Klamotten und unterhalten sich über denselben Mist. Wahrscheinlich finden sie auch noch Burger King besser als McDonald’s, schauen sich Videos von Beyoncé an, backen Cupcakes und würden am liebsten auf den Seychellen Urlaub machen. Jetzt bin ich auch schon ganz resigniert, hasse die Idee der Globalisierung, der uniformierten Lebensvorstellungen und wünsche mir, dass alles überall wieder anders werden muss, wie genau, weiß ich auch nicht, aber vor allem unterschiedlich wäre mal keine schlechte Idee.

Die Metro fährt in die Station Quevedo ein. Schnell raus und ein paar abgewetzte Treppen hoch zum kreisrunden Platz. In der Mitte des Platzes steht eine Francisco de Quevedo darstellende Skulptur auf einem etwas übertriebenen, von halbnackten Steinfrauen umschmiegten Fin-de-Siècle-Sockel. Um das Quevedo-Monument herum fahren Autos im Kreisverkehr und hupen. Quevedo hätte das bestimmt lustig gefunden, seinen Weibersockel und dass er Tag und Nacht von Autos umfahren wird. Trotzdem schaut er ganz streng auf den Platz hinunter. Und das, obwohl er mit seiner Historia de la vida del Buscón einen der lustigsten Romane der barocken Literatur geschrieben hat, wenn nicht gar den allerlustigsten. Die Geschichte eines vagabundierenden kleinen Gauners, der im von Staatsbankrotten geplagten Spanien um 1600 vergeblich versucht, zum Edelmann aufzusteigen und sich mit wenig Erfolg durch das Leben betrügt. Nichts läse ich momentan lieber als ein Buscón-Remake, einen Schelmenroman, der sich dem Wirtschafts-, Internet- und Globalisierungsirrsinn widmet, dem wir seit ein paar Jahren als teilnehmende Beobachter beiwohnen.

WhatsApp-Nachricht von meinem Vater, die wahrscheinlich seine Frau geschrieben hat. „Bist du gut angekommen?“ Dahinter eine Ansammlung von gelben Grinse- und Kuss-Emojis. Und eine Flamencotänzerin und ein Sonnenuntergang. Ich antworte „Pünktlich angekommen. Gehe jetzt in die Pension und komme dann vorbei.“ Mein Vater feiert seinen Geburtstag in Madrid – deshalb bin ich angereist – und wohnt ganz zeitgenössisch in einem weitläufigen Airbnb-Appartment mit zwei Schlafzimmern, kastigem Großsofa, Ikea-Esstisch und Spülmaschine. Ich übernachte altmodisch in einer Pension, in der ich schon ein paar Mal war und die mir in ihrer altertümlichen Spanienhaftigkeit gut gefällt. Die Pension erstreckt sich, wie bei Pensionen so üblich, über eine ganz Etage. Die Pensionswirtsfamilie bewohnt selber ein paar undefinierbare Etagenzimmer und fühlt sich wie zuhause. Es riecht immer nach Essen, und den ganzen Tag wird irgendwo der Steinboden mit einem chlorhaltigen Putzmittel nass aufgewischt. Ich mag spanisches Essen, chlorhaltige Putzmittel und die Rosemary’s-Baby-Stimmung, wenn plötzlich aus dem Halbdunkel ein Pensionswirtsfamilienmitglied erscheint und „Hola qué tal“ zu einem sagt. „Estupendo“ sage ich und schließe mich unauffällig in meinem Pensionszimmer ein.

Das Geburtstagsessen findet in einem altkastilisch aufgerüschten Restaurant statt. Viel dunkles Holz, Keramikteller an der Wand, Fünfhundertwattenergiesparlampen in wagenradgroßen Pseudoantikdeckenleuchten, Blutreiswurst-Tapas und Sherry zur Begrüßung. Ich sitze am Tischende neben meinem ergriffenen Vater und bilde mir ein, etwas traurig und aus Solidarität ebenfalls ergriffen zu sein. Dann bin ich aber doch nicht mehr solidarisch ergriffen, sondern nur noch traurig, denn mein Vater erzählt mir zum hundertsten Mal, wie unzufrieden und unglücklich er während der Ehe mit meiner Mutter, also während meiner Kindheit war. Deutschland in den sechziger Jahren, kein Junggesellenleben mehr, dafür zwei kleine Kinder und eine sehr kinderfixierte, sehr junge deutsche Ehefrau, die die nervigen Kinder unbedingt um neunzehn Uhr ins Bett bringen muss, anstatt mit ihrem jungen Ehemann und dessen Geschäftskollegen noch einen trinken zu gehen. Wenn ich nicht mit ihm verwandt und kein Teil des Problems gewesen wäre, könnte ich ihm vielleicht sagen: „Ja, war schon okay, dass du dich getrennt hast.“ Aber ich sage nichts und drücke nur seine Hand.

Auf dem Weg zurück zur Pension an mehreren eigen- und gleichartigen Straßenkünstlerdarstellern vorbeigekommen, die sich alle etwas schäbig weiß geschminkt haben und unter großen schwarzen Leintüchern am Boden sitzen, in die Öffnungen eingearbeitet sind. Links und rechts der weißen Fratze ragen auf Stöcken angebrachte, selbstgebastelte Tierköpfe aus den Öffnungen, die möglicherweise einen Wolf darstellen sollen. Der sogenannte Straßenkünstler verharrt zunächst eine ganze Weile bewegungslos am Boden kauernd, um dann plötzlich mit einem wahnsinnigen Schrei die Tierkopfstöcke nach vorne in Richtung der vorbeigehenden Passanten zu stoßen. Das Geschrei der zu Tode erschrockenen Passanten ist ungefähr genauso laut wie das Gebrüll des weißgeschminkten Wolfmanns. Interessante Geschäftsidee: Einfach mal die sowieso schon heruntergewirtschafteten, erschreckten Spanier noch mehr verschrecken, in der Hoffnung, damit etwas Geld zu verdienen. Aber das Geld werfen sowieso nur die dem Spektakel beiwohnenden Zuschauer in den vor dem Wolfsmann aufgestellten Starbucks-Becher. Mitwisser, die den Trick schon kennen und gutgelaunt darauf warten, dass das nächste Opfer in die Falle geht. Aus Dankbarkeit, nicht zu den Opfern zu gehören, lege auch ich eine Ablassmünze in den Becher und verschwinde in einem der Eingänge zur Metrostation Sol, die letztes Jahr gegen eine Zahlung von drei Millionen Euro in Vodafone Sol umbenannt wurde.