CGN210210

Link | 21. 02.2010 |  

Als ich

# als ich heute fast in den Bushido-Film gegangen wäre
# als ich heute fast eine Frikadelle mit sogenannter Jägersoße gegessen hätte
# als ich mir heute fast 1000 Meisterwerke der Weltliteratur auf CD-ROM gekauft hätte
# als ich mich heute fast nicht entscheiden konnte, ob ich ein Buttercroissant oder ein Laugencroissant kaufen soll
# als ich den berühmten Kölner Kunstbuchhändler heute fast gefragt hätte, warum er ein Fotobuch gut positioniert auslegt, obwohl er es seinem Lieblingsverkäufer gegenüber als “ungeheuerlich schlechten Schmalz” bezeichnet hatte
# als ich heute mehrere Wutanfälle bekam
# als ich mich heute gefreut habe, dass mich der Änderungsschneider duzt
# als ich heute jemand leicht Gestörten datenschutzwiderrechtlich gegoogelt habe, der sich auf der Unterschriftenliste gegen den Abriss des Kölner Schauspielhauses eingetragen hatte
# als ich mir heute “Der Schwimmer” von John Cheever gekauft habe
# als ich heute voll und ganz der Meinung meiner Daily-Horoscope-App war

Link | 13. 02.2010 |  

Wishful Writing

Auf die Frage seiner Mutter, was ihn am meisten ängstige, hatte der Designer einst im “Guardian” geantwortet: “Vor dir zu sterben.” Mit dem Tod von Joyce wurden McQueens schlimmste Befürchtungen Realität.

[Muss das jetzt mal loswerden, weil ich dieses “Vor dir zu sterben”-Zitat nun tausendmal in jedem Artikel über McQueen gelesen habe und es immer wieder als Grund für seinen Selbstmord angeführt wird. Sind alle Journalisten, die diese Texte schreiben, eigentlich bescheuert und können nicht lesen bzw. keine einfachsten Konditionalsätze verstehen? McQueen ist nicht vor seiner Mutter gestorben, seine größte Angst ist nicht wahr geworden und scheidet also als Selbstmordmotiv schon mal aus [mal abgesehen davon, dass man sich nicht das Leben nehmen kann, weil man vor jemand anderem gestorben ist], auch wenn Journalisten noch so gerne “Vor dir zu sterben” als “Wenn Du vor mir stürbest” verstehen möchten. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Sehr traurige Geschichte. Kann das sehr nachfühlen, auch wenn ich es vor 54 Tagen nicht wie McQueen als Tweet abgesetzt habe.]

Link | 13. 02.2010 |  

Being Bruce Weber

[“Ain’t nothing but the real thing” by Bruce Weber for Yves Saint Laurent Autumn/Winter 2010/11]

Schon immer: diese Hassliebe zu Bruce Weber. Als Person, für mich, ein großes Mysterium. Kein Beau, wie Peter Beard zum Beispiel, kein Fashiontyp im herkömmlichen Sinn, ein eher robuster, fülliger, bäriger Mann, der am liebsten das Gegenteil von sich selbst fotografiert: junge, schlanke, gut gebaute Amerikaner. Ganz ohne Art-Gallery-Ambitionen, wirkt zumindest so. Also auch nicht die Mapplethorpe-Leibovitz-Goldin-Schiene. Vielleicht ist das einfach nur sehr amerikanisch, diese Beständigkeit, diese an Verklärung grenzende Jugendverherrlichung, die mich gleichzeitig fasziniert und abstößt. Pursuit of beauty oder sowas, keine Ahnung. Schwarzweiß fotografierte Jungs, die noch nicht wissen, was sie wollen und noch weniger ahnen, was vor ihnen liegt: Das Leben zum Beispiel, inklusive den kostenlosen Zugaben Altern, Arbeit, Liebeskummer und Hüftspeck. Die Zeit, in der sie von Bruce Weber nicht mehr fotografiert und gefilmt werden, auch wenn sie noch so oft nackt in Flüsse springen. Muss man das Bruce Weber [wie ich] zum Vorwurf machen? Ein bisschen, aber trotzdem danke für die Illusion, dass Webers Fotos und Filme etwas mit meinem realen Leben zu tun haben könnten. Nobody does it better. [Plan: mit 500.000 Euro Verlagsvorschuss drei Jahre vor Ort in Webers Umfeld recherchieren, ständig mit ihm und seiner Lebensgefährtin (?) Nan Bush abhängen und eine fünfhundertseitige nonfiction novel über ihn schreiben. Einfach nur, um ihn zu verstehen.]

Charlie Rose interviewt Bruce Weber (Video)
Ingrid Sischy interviewt Bruce Weber

Link | 9. 02.2010 |  

Vergnügen

Liebe Leserinnen und Leser,
im Sommer 2009 wurde eine Frau bei den Demonstrationen in Iran getötet, ihr Bild ging um die Welt: Neda. Zu oft war es das falsche: Es zeigte eine andere Neda. Die unglaubliche Geschichte der Frau, die wegen einer Verwechslung nie mehr in ihre Heimat zurückkehren kann.

Viel Vergnügen bei der Lektüre.

[Wir vergnügen uns zu Tode mit dem Newsletter des SZ-Magazins]

Link | 5. 02.2010 |  

Stromae

[Der Vor- und Nachteil der angeblich existierenden Informationsüberflutung besteht unter anderem auch darin, dass man kaum mehr mitbekommt, welche Songs, Bücher und Filme in den Charts und Bestenlisten dieser Welt auf den Top-Ten-Plätzen stehen. Heute: Stromae [französich ausgesprochen und auf der letzten Silbe betont], belgischer Elektrodancerappersängerproduzent aus Brüssel, zur Zeit mit “Alors on danse” auf Platz eins der iTunes-Download-Charts in Deutschland und Australien. Als Hobby-Frankophoniker sehe ich Stromae den Kirmescharakter seiner Volkstanzmusik wohlwollend nach, wünsche ihm aber trotzdem keine Karriere als belgischer Scooter. Die Büroszene im Video sowie der Tanzstil der Betrunkenen sind meiner Meinung nach erfrischend realistisch nachgestellt. Auf Platz 1 der amerikanischen Amazon-Buchbestseller in der Kategorie Literature & Fiction steht übrigens The Apothecary’s Daughter von Julie Klassen, auto-delivered wirelessly, Kindle Price: $2.30.]

Link | 4. 02.2010 |