eintausendeinhundertundzwanzig

Im Zug nur den obernervigen Gangplatz ganz hinten, letzte Reihe, neben der automatischen Schiebetür abbekommen. Der automatische Öffnungsmechanismus ist so eingestellt, dass sich die Tür für Durchgehende nur dann öffnet, wenn diese ganz genau davor stehen bleiben, also niemals zügig durchgehen können. Dafür ist der automatische Öffnungsmechanismus für am Gang Durchsitzende so eingestellt, dass sich die Tür immer öffnet, sobald man eine Buchseite umblättert oder den gangseitigen Ellenbogen um fünf Zentimeter bewegt. In rentnerischer Aufgebrachtheit mal kurz nachgerechnet, wie oft sich diese zischende, pneumatiscch betriebene Türe neben mir geöffnet und wieder geschlossen hat. Viermal pro Minute auf einer 280 Minuten währenden Zugfahrt, macht also eintausendeinhundertundzwanzig Mal. Beim nächsten Mal also unbedingt kein Buch, keine Zeitung, keine Zeitschrift mitnehmen und sich vorsorglich mit K.O.-Tropfen 280 Minuten lang lahmlegen, um die Gefahr eines Amoklaufs zu minimieren. Dann auch noch die qualitätsjournalistische Presse durchgelesen: SZ-Magazin, FAZ und Spiegel. Welche Ödnis, zumindest streckenweise. Um mal direkt loszubashen, Namen zu nennen und es mir mit allen zu verderben: die todlangweiligen Kolumnen von Georg Diez und Axel Hacke. Der betuliche, uncharmante Ton in den sogenannten Reportagen von Marcus Jauer. Die Mainstream-Pop-Schreibe von Tobias Rapp. Das ist alles ganz schlimm, zumal man ja weiss, dass diese Leute eigentlich ganz gut schreiben können, wenn sie es denn nur täten. Aber jetzt hocken sie auf ihren Positionen, liefern Texte ab und ich muss das wöchentlich bis an mein Lebensende lesen, was mich am allermeisten deprimiert. Egal. Andere Sachen lesen.

Link | 25. 03.2010 |  

Baustelle

Link | 24. 03.2010 |  

Er wurde lebhaft

Ich erinnere mich nicht, in welchem Jahr ich ihn an jenem Winterabend in Moskau gesehen habe. Worüber wir gesprochen haben, weiß ich auch nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch, dass er mich während dieses kurzen Gesprächs fragte, ob ich an etwas schreibe. Ich antwortete:
Nein, Lew Nikolajewitsch, ich schreibe kaum. Und an alles, was ich früher geschrieben habe, möchte ich lieber gar nicht denken.
Er wurde lebhaft:
Ach, ja, ja, das kenne ich sehr gut!
Und es gibt auch nichts zu schreiben, – setzte ich hinzu.
Er sah mich irgendwie unschlüssig an, dann schien ihm etwas in den Sinn zu kommen.
Wie ist das möglich? fragte er. Wenn es nichts gibt, dann schreiben Sie, dass es nichts gibt und warum es nichts gibt. Denken Sie nach, warum Sie nichts zu schreiben haben, und dann schreiben Sie. Ja, ja, versuchen Sie es, sagte er fest.

[Ivan Bunin über ein Treffen mit Tolstoi, abgedruckt in der FAZ vom 20.3.10]

Link | 24. 03.2010 |  

Denkmal für das Jahr 2004

Kann mir jemand den Sinn des Liedes “Denkmal” von “Wir sind Helden” erklären?
gefragt von am 30.04.2004 um 12:31

laberstar antwortet am 30.04.2004 um 13:40
Du sollt drüber nachdenken.

sichfragt! antwortet am 30.04.2004 um 14:09
Ja das würd ich auch gern wissen! Hatte erst gedacht ich hätte alles verstanden, aber irgendwie ist es doch verwirrend! Also kann mir auch jemand den Sinn erklären! ;)

Silberhamster antwortet am 30.04.2004 um 14:25
das denkmal unterstellt in diesem lied den beiden, daß ihre liebe schon tod ist. das passt ihm gar nicht, deswegen soll es zerstört oder beschmiert werden.

Blumentopferde antwortet am 30.04.2004 um 14:29
… daher soll es zerstört oder beschmiert werden. weil die beiden einfach nicht realisieren wollen das es vorbei ist & ein neues leben beginnen wird. aber ich versteh das. wenn man lange zeit zusammen ist, einen gemeinsamen freundeskreis & leben hat ist es sicherlich nicht einfach sich zu trennen und der wahrheit gewiß zu werden …

Silberhamster antwortet am 30.04.2004 um 14:59
@blumentopferde: aber in dem lied kommt nirgends raus, ob die liebe der beiden wirklich zu ende ist. er zeigt ihr ja das denkmal “Komm mal ans Fenster komm her zu mir Siehst du da drüben gleich da hinterm Wellblechzaun. Da drüben auf dem Platz vor Aldi. Haben sie uns ein Abbild in Stein gehauen”. es sieht eher so, aus als wenn ein anderer oder andere ihnen die liebe nicht gönnen und deshalb das denkmal gebaut haben um sie auseinanderzubringen, wenn sie nicht rechtzeitig etwas dagegen unternehmen. “Siehst du die Inschrift da unten bei den Schuhn, Da steht in goldener Schrift wir soll in Ewigkeit ruhn”

antwortet am 30.04.2004 um 15:04
Wow….super Denkansatz …!! Jetzt komm ich noch mehr ins Grüblen .. *g*

Blumentopferde antwortet am 30.04.2004 um 15:14
hm stimmt auch. aber fast genauso könnte es ja sein, das dieses denkmal für sie gebaut wurde um sie darauf zu stoßen das es vorbei ist.

Silberhamster antwortet am 30.04.2004 um 15:19
@blumentopferde das kann jetzt jeder selbst entscheiden, wie er das sehen möchte. es gibt, wie im leben auch, immer verschiedene sichtweisen. das führt ja häufig zu mißverständnissen.


[Aus der Reihe: Songs, bei denen ich immer mitsingen muss. Und Pola Roy fand ich auch schon immer gut.]

Link | 16. 03.2010 |  

Lewis takes off his shirt

Owen Pallett: Lewis Takes Off His Shirt [via jockohomo tumblr]

Link | 12. 03.2010 |  

Fossilien

Gehorsam windet sich der Körper aus dem Bett, zuckt zusammen unter einem stechenden Schmerz im arthritischen Daumen und im rechten Knie, spürt ein leichtes Übelsein vom Magen her und schlurft nackt ins Badezimmer. Dann tritt es vor den Spiegel. Was es dort zu sehen bekommt, ist weniger ein Gesicht als der Ausdruck einer Verlegenheit. Hier steht geschrieben, was es sich angetan hat, was achtundfünzig Jahre an Spuren hinterlassen haben, ausgedrückt in einem gequälten, abgestumpften Blick, einer vergröberten Nase, einem Mund, der – wie in Verbitterung über die eigenen Giftstoffe – in den Winkeln heruntergezogen ist, eingefallenen Wangen und einem in winzigen runzeligen Falten schlaff hängenden Hals. Der gequälte Blick gehört einem bis zur Verzweiflung erschöpften Renner oder Schwimmer – noch ist das Rennen nicht zu Ende. Die Kreatur, die wir vor uns haben, wird weiter kämpfen und kämpfen, bis sie fällt, nicht weil sie heroisch ist, sondern weil sie sich eine Alternative nicht vorstellen kann. Während es in den Spiegel starrt, erkennt es vielerlei Gesichter auf seinem Gesicht – das Antlitz des Kindes, des Knaben, des jungen und des nicht mehr ganz so jungen Mannes – sie alle sind noch da; bewahrt und konserviert wie Fossilien auf überlagerten Schichten und ebenso tot wie Fossilien. Ihre Botschaft an diese bei lebendigem Leibe absterbende Kreatur heißt: Blick uns nur an – wir sind gestorben – was ist daran so Angst errgegend?
Und es antwortet: Aber das ging so unmerklich, so leicht.

aus: Christopher Isherwood: Der Einzelgänger, 1964

A single man in Madrid in einer Nachmittagsvorstellung im Kino gesehen. Zusammen mit ganz vielen Rentnerinnen. Ich liebe madrilenische Rentnerinnen. Sie gehen im Kostüm und geschminkt in Filme in Originalfassung mit spanischen Untertiteln und danach trinken sie Kaffee und Brandy in irgendeiner Schmuddel-Bar mit LCD-Fernsehern. Der Film ist nicht schlecht bis ganz gut, obwohl Tom Ford Regie geführt hat. Weil Tom Ford Regie geführt hat, ist der Film etwas überausgestattet, und man hat den Eindruck, Ford wollte den Film noch richtiger, authentischer und schöner machen als drei Staffeln Mad Men zusammen. [Jon Hamm aka Don Draper darf auch als Telefonstimme mitmachen und dem Protagonisten die Todesnachricht übermitteln]. Der Protagonist, sehr gut gespielt von Colin Firth, bewohnt einen wunderbar edelverholzten, geradlinigen, geometrisch-teilverglasten Wallpaper-Bungalow, bei dessen Anblick der Betreiber des Blogs Unhappy Hipsters wahrscheinlich 24 Stunden am Stück kotzen müsste. Aber die spanischen Rentnerinnen und ich fanden den Bungalow schön. Und schließlich ist ja der leidende Protagonist nun mal ein unhappy Hipster der Sechziger Jahre. Julianne Moore spielt die Tanqueray-trinkende Jugendfreundin, spricht mit englischem Akzent und macht ihre Sache ganz gut. Vielleicht wäre eine weniger bekannte Schauspielerin die bessere Besetzung gewesen. Ich persönlich habe mich an Julianne Moore nun endgültig übersehen. [Mir kurz überlegt, ein Yes/No-Entscheidungsdiagramm für schwule Regisseure zu entwerfen, bei dem am Ende herauskommt, welche Schauspielerin die einzige weibliche Rolle im Film übernehmen soll: Cate Blanchett, Julianne Moore, Tilda Swinton oder Charlotte Rampling.] Der male beauty wird erwartungsgemäß nicht zu knapp gehuldigt: Jungstudenten in weißen Mohairpullovern, ein paar Schwimm- und Duschszenen, Jon Kortajarena [Jon Kortajarena Redruello, born 19 May 1985 in Bilbao, Spain, is a Spanish male model. Known for his distinguishing chiseled cheekbones, piercing stare, and full pout.] im weißen James-Dean-Shirt. Aber alles schön kadriert und in Szene gesetzt. Aber alles zu schön kadriert und zu schön in Szene gesetzt.]

Link | 11. 03.2010 |  

Kidsomania

OMG ICH SCHMELZE
[Schon von den Kinderdarstellern in Das weisse Band, den ich erst jetzt am Sonntag gesehen habe, auf fast schon peinliche Weise gerührt, berührt, begeistert, vergeistert gewesen. Und jetzt auch noch dieser empathisch dahersingende Schulkinderchor, angestachelt von diesem auf Youtube hinlänglich bekannten Musiklehrer, dem ich seine Internet-Profilneurose, die ich ihm ganz unbegeistert unterstelle, dankend nachsehe.]

Link | 10. 03.2010 |