Roboter Petja und Roboter Wasja

Sie haben auch die Liquidatoren begleitet, also Soldaten, die die radioaktiven Trümmer nach der Explosion beseitigt haben. Wie sah deren Arbeit aus?

Die meisten radioaktiven Trümmer waren auf dem Dach des dritten Blocks gelandet. Da Roboter nicht funktionierten, wurden Menschen dorthin geschickt. Sie haben den radioaktiven Müll nur mit Schaufeln weggeräumt. Man nahm etwas davon auf die Schippe, rannte zum Block vier, kippte ihn in die Grube und rannte wieder weg. Wegen der extremen Strahlenbelastung dauerte eine Schicht 20 bis 40 Sekunden. In dieser Zeit schaffte man nur eine Aktion mit der Schaufel, dann musste man wieder runter und es kam der Nächste. Für den Einsatz bekamen sie eine Auszeichnung und 100 Rubel. Das waren damals maximal zehn Dollar. Pro Person gab es nur einen einzigen Einsatz. Dreieinhalbtausend Soldaten waren da auf dem Dach, einer Fläche von vielleicht 50 mal 50 Metern, grob geschätzt.

Und Sie selbst?

Der General, der den Einsatz auf dem Dach leitete, sagte zu mir, man bräuchte ein Bild vom Dach. Wir haben riesige Aufnahmen gemacht, zwei Meter groß, damit die Soldaten, wenn sie für 20 bis 40 Sekunden dort hinausrennen, gleich an die Stelle rennen können, wo der Müll liegt. Damit man die Soldaten nicht verheizt, sollte ich diese Bilder machen. Ich war fünf Mal dort oben und habe fünf Auszeichnungen bekommen, auf die ich stolz bin.

Wie viele Liquidatoren leben ungefähr noch?

An den Aktionen waren ungefähr 800.000 Menschen beteiligt. Es gibt keine offizielle Statistik, aber ich würde schätzen, dass etwa 30 Prozent nicht mehr unter uns sind. Es widert mich an, dass unser Land nicht in einer menschlichen Weise mit den Überlebenden umgeht. Mit denen, die praktisch mit ihren Händen viele Völker gerettet haben. Vor allem die, die auf dem Dach gearbeitet haben. Das war die gefährlichste Arbeit überhaupt. Damals hatte irgendein hohes Tier gesagt, er würde niederknien vor Roboter Petja und Roboter Wasja, wie die Liquidatoren genannt wurden. Sie waren Bio-Roboter.

[Interview in der Süddeutschen mit dem ukrainischen Fotografen Igor Kostin]

Link | 19. 03.2011 |  

Hamburg

# Ich habe jetzt genug Gerhard-Richter-Ausstellungen gesehen und kann endlich und bis an mein Lebensende damit aufhören. Vielen Dank, Gerd, es war schön mit Dir, aber andere Mütter haben auch schöne, schön malende, ein Meter siebzig große Söhne mit hellblauen Augen. In der Ausstellung “Gerhard Richter. Bilder einer Epoche” im Hamburger Bucerius Kunst Forum, getrennt geschrieben, außer mir noch viel ältere Menschen, die sich für Kunst interessieren und mit geleasten Audioguides durch die Ausstellung torkeln. Die Leute immer mit ihrer Manie, sich alles ständig erklären lassen zu müssen. Die Panik, womöglich mal etwas nicht komplett zu verstehen. Alles muss einem schön vorgelesen und schlüssig dargelegt werden, daher kommt dies, und das sollte eigentlich so, denn andere haben das nämlich auf diese Weise undsoweiter. Hauptsache man fängt nicht versehentlich damit an, sich mit etwas Gesehenem selbständig zu beschäftigen, so ganz ohne sonore Besserwisserstimme im Ohr. Es könnten ja Fragen offen bleiben, oder noch schlimmer: Zweifel könnten einem den ganzen wunderbaren polaren Sonnentag versauen. Zu den so genannten “unscharfen” Richter-Bildern möchte ich noch doof erwähnen, dass bereits die ebenfalls in Glasvitrinen aufwändigst zusammengetragenen Zeitschriftenvorlagenfotos [ich hasste sofort den Aha-Wiedererkennungseffekt, den ich aber auch schon zu oft gesehen hatte] eine nicht unerhebliche Unschärfe aufweisen. Außerdem verstehe ich generell und besserwisserisch unter “Epoche” [wie in “Bilder einer Epoche”] einen längeren Zeitraum als acht Jahre. Bei Picasso zum Beispiel nannte man sowas noch kleinkotzig “Phase”. Egal. Nein, doch nicht egal. Was soll das alles?

# Abends wieder abgeregt in die Laeiszhalle gerannt. Liszt-Klavierkonzerte mit Daniel Barenboim am Klavier und den Hamburger Symphonikern, dirigiert von Simone Young. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch nie eine Frau ein großes Sinfonieorchester habe dirigieren sehen. Im Jahr 2011. Mit etwas über 40. Der Gedanke und diese Tatsache beschämten mich so sehr, dass sich großer Weltschmerz gepaart mit vehementer Melancholie im Handumdrehen einstellten. Beste Voraussetzung für Klavierkonzerte. Haut dann rein wie Sau. Und als ich zusätzlich noch bemerkte, dass einige der Zuschauer in den hintersten Reihen des gegenüberliegenden ersten Rangs während des gesamten Konzerts vor ihren Sitzplätzen standen, um das Orchester und den Pianisten besser zu sehen, war ich davon so gerührt, dass ich Barenboims virtuose Liszt-Fingerchen nur noch in epochaler Gerhard-Richter-Manier verschwommen die Tastatur hinauf- und hinunterflitzen sah.

# Nachts las ich in meinem schäbigen Einzelzimmer im Hotel mit der schönen Fassade Virginia Woolfs “Die Wellen” und erfreute mich an ihrer verzirbelten Sprache:

“Die Sonne legte breitere Klingen über das Haus. Das Licht berührte etwas Grünes im Fensterwinkel und machte daraus einen Smaragdklumpen, eine Höhlung reinen Grüns gleich einer kernlosen Frucht. Es schärfte die Kanten von Tischen und Stühlen und bestickte weiße Tischtücher mit feinem Golddraht. Als das Licht stärker wurde, barst da und dort eine Knospe und schüttelte eine Blüte hervor, eine grüngeäderte, die bebte, als hätte die Anstrengung des Aufbrechens sie in Schwingungen versetzt und sie ließe ein leises Läuten ertönen, als sie mit zartem Klöppel an die weiße Wandung schlug. Alles wurde formlos weich, als verflüssigte sich das Porzellan der Teller und auch der Stahl der Messer. Unterdessen traf der Anprall der sich brechenden Wellen das Ufer mit dumpfen Schlägen wie von kollernden Baumstämmen.”

Link | 9. 03.2011 |