All-in-1

Etwas missmutig verließ ich den Drogeriemarkt mit einer Großpackung All-in-1 Geschirr-Reiniger-Tabs. Auf der Verpackung konnte man fünf Mal “Für ein rundum perfektes Reinigungsergebnis” lesen und drei Mal das Foto einer jungen Frau sehen, die ein großes Kaffeeglas in ihren Händen hielt, nach rechts aus dem Bild hinauslächelte und eine leergeshoppte Latte-Macchiato-Stimmung ausstrahlte. Außerdem darauf zu sehen: hässliche Farbverläufe von Orange nach Rot nach Hellblau und wieder zurück, ein strahlender Edelstahltopf, ein Weinglas ohne Wasserflecken und ein von Luftblasen umsprudelter gelbweißgrüner Reinigungs-Tab. Gerade als ich mich in die Mittelmäßigkeit des Verpackungsdesigns hineinsteigern wollte und mich schon auf die Lektüre der mehrsprachigen Warnhinweise freute, fuhr ein heruntergekommen aussehender Mann auf einem Fahrrad vorbei und schimpfte auf die Bananenfabrik: Die scheiß Bananenfabrik. Die kapitalistischen Ausbeuter in der Bananenfabrik. Die werden sich noch wundern in der Bananenfabrik. Ich geh da nicht mehr hin, in die Bananenfabrik. Die sollen doch in der Bananenfabrik ihre Bananenkartons selber vollpacken. Und wie es da stinkt in der Bananenfabrik. Nach Bananenscheiße. BA-NA-NEN-SCHEI-SSE. Ich hau denen eine in die Fresse. In die Bananenhackfresse. Die scheiß Ausbeuter in der Bananenfabrik mit ihrer verdammten Bananenscheiße. Ich geh zur Polizei und mach denen den Laden dicht. Dann gibt’s keine Bananenfabrik mehr. Und keine Bananenscheiße. Die Bananenfabrik soll sterben. Die scheiß Bananenfabrik. Die kapitalistischen Ausbeuter in der Bananenfabrik. Die werden sich noch wundern in der Bananenfabrik. Ich geh da nicht mehr hin, in die Bananenfabrik. Die sollen doch ihre Bananenkartons selber vollpacken. Und wie es da stinkt in der Bananenfabrik. Nach BA-NA-NEN-SCHEI-SSE. Dann bog der Mann rechts ab und war nicht mehr zu verstehen, was auch nicht so schlimm war, denn die Hauptpunkte seiner Gesellschaftskritik hatte er mir und einer ebenfalls anwesenden Rentnerin soweit schlüssig dargelegt. Die Kombination aus geistiger Verwirrung plus Fahrrad plus Bananenfabrikproblematik gefiel mir ziemlich gut. Muss einem ja auch erst mal einfallen, so eine fiktionale Bananenfabrik als Projektionsfläche für Lebensunmut, Überdruß und allgemeinen Menschenhass. Mir fällt dazu immer nur der Besuch von Drogeriemärkten ein und das Bestehen auf Kassenbons mit ausgewiesener Mehrwertsteuer. Und die Lektüre von Warnhinweisen auf Geschirr-Reiniger-Tabs-Verpackungen: Bananenscheiße reizt die Augen. Darf nicht in die Hände von Kindern gelangen. Berührung mit den Augen vermeiden. Bei Berührung mit den Augen sofort gründlich mit Wasser ausspülen und Arzt konsultieren. Bei Verschlucken von Bananenscheiße sofort ärztlichen Rat einholen und Verpackung oder Etikett vorzeigen. Enthält Protease. Kann allergische Reaktionen hervorrufen. Restentleerte Packung zum Recycling geben. Größere Produktreste zur Problemstoffsammelstelle geben. Ich umarmte die Rentnerin, stieg auf mein Fahrrad und fuhr davon.

[erschienen in Neue Probleme #4]

Link | 13. 10.2009 |