Sala de espera

Im Wartezimmer rumgesessen, das nicht ohne Grund so heißt. Man sitzt da und wartet und alle Mitpatienten, die nach einem gekommen sind, werden vor einem aufgerufen. Sofort kommt man in diese Hart-aber-fair-Anne-Will-Pseudorevolution-für-Totaldoofe-Stimmung: Zwei-Klassen-Medizin hautnah, heisst das Spiegel-TV-Feature, in dem ich sitze. Ich mache den Faktencheck und bin mir mein eigener Protagonist. Alle anderen sind Privatpatienten, außer mir und Mutti und nochmal ich. Ich warte. Auf Grund der Warteerwartung schon vorsorglich ein Buch mitgenommen, um nicht Lesezirkelzeitschriften anzuschauen. Dann aber doch in die Versuchung geraten, den Stern durchzublättern. Sofort in bleierne Müdigkeit und Hirnlähmung und Totalödnis verfallen. Ein Reportagenfoto mit einem Fischschwarm und ein paar Porträts von Müller-Westernhagen mit seiner großzahnigen Tochter Mimi oder Mini oder Milli. Dazwischen so etwas ähnliches wie Texte. Unlesbar, todlangweilig wie ein Dienstagnachmittag um vierzehn Uhr. Jetzt werde ich aufgerufen. Herr Mlrm bitte ins Zimmer rechts. Der Arzt praktiziert nach dem Zweizimmersystem und wenn man dann endlich im Zimmer rechts sitzt, heißt das, dass man noch sehr lange wartet, weil der Herr Doktor sich im Zimmer links noch ganz ausführlich und besonders lange um den vor mir aufgerufenen wahrscheinlichen Privatpatienten XY kümmert. Um nicht nichtstuend auf herumliegende Arztgeschenke der Pharmaindustrie zu starren, Kugelschreiber, Notizblöcke, Briefbeschwerer, dann doch zum Buch gegriffen, das mich sofort zulaberte. Während sich der Laberschwall über mich ergoß, kurz die Panik entwickelt, der Arzt könnte jeden Augenblick ins Zimmer hereinstürzen, sähe mich lesend und nähme dies zum Anlass, mich in ein Buchgespräch zu verwickeln. Da ich mir aber absolut sicher war, dass mein sehr netter, auf Mykonos Urlaub machender Arzt noch nie etwas vom Laberautoren gehört hatte, erfüllte mich die Buchgesprächsvorstellung mit besonderem Schrecken. Buch also schnell weggepackt und mich weiter reingesteigert. Was lesen Sie da? Von wem? Worum geht’s? Nein, das ist kein Roman. Der Autor, den Sie nicht kennen, hat auch Medizin studiert, wie Sie. Nö, er praktiziert nicht. Geht um, hmm, ähm, weiß nicht, um eine Beobachtungsmanie, wenn Sie verstehen, was ich meine. Nein? Schade, dann rattern wir doch mal kurz mein so genanntes großes Labor durch. Alles okay? Wunderbar und noch eine letzte Frage, eigentlich sogar die einzige: Stichwort Krankenkassenwechsel zum Jahresende, any suggestions, wie wir auf Twitter immer sagen, wenn man zu wenig Restzeichen hat, um normale Sätze zu formulieren? Nö, sagt der Arzt, alles egal. Ich krieg immer und von jeder gesetzlichen Kasse nur 36,80 € pro Patient pro Quartal, egal wie oft der hier sitzt. Verstehe, danke für den Tipp, das erleichtert die Entscheidung enorm und viel Spaß auf Mykonos.

Link | 28. 10.2009 |