L’Avventura

Ulrich Gregor erzählte in seiner Einführung zu Antonionis L’avventura, dass der Film damals, 1960 in Cannes, beim Publikum komplett durchgefallen war [Buhrufe, Zuschauer verließen während der Vorführung den Saal etc.]. Antonioni war darüber zutiefst enttäuscht, betrübt, verletzt, und weder die Goldene Palme noch Ulrich Gregor, der ihn damals in Cannes bewundert und interviewt hat, konnten ihn darüber hinwegtrösten [Wie toll das gewesen sein muss, damals bei der Premiere von L’avventura dabeisein zu dürfen und im Anschluß auch noch Antonioni zu interviewen]. Als der Film dann in Deutschland anlief, in einer um 40 Minuten gekürzten Fassung [unglaubliches Kulturverbrechen], ähnliche Publikumsreaktionen. Die Zuschauer konnten einfach nicht verstehen, warum eine der Hauptfiguren mitten im Film verschwindet, nie wieder auftaucht und ihr Verschwinden nicht aufgeklärt wird. [Nunja, das war vor bald fünfzig Jahren und der gewöhnliche Zuschauer war eine solche Erzählstruktur einfach nicht gewohnt oder wollte sich nicht darauf einlassen. Wäre heute leider und wahrscheinlich nicht mal groß anders. Dabei ist der Plot doch total super. Sofort totalen Hass auf fiktive deutsche Kinogänger des Jahres 1960 verspürt und Lust bekommen, meine Eltern direkt mal anzurufen und stellvertretend zur Sau zu machen.] Ulrich Gregor las dann noch etwas zu lange aus alten Kinokritiken vor und meinte dann zum Schluss, er wäre gespannt, ob ihn der Film heute noch immer so packt. [Leider hat man das dann nicht mehr erfahren, ob ihn der Film noch immer so gepackt hat. Mich auf jeden Fall schon.] Der Kinosaal war voll bis auf den letzten Platz, alle in Berlin lebenden Italiener über sechzig mit Gehbehinderung schienen anwesend zu sein und lachten sich an einigen Stellen des Films schlapp [Konnte man als Deutscher, und wahrscheinlich auch als Engländer oder Amerikaner, nicht so recht nachvollziehen, die Szenenlustigkeit. Aber italienischen Humor verstehe ich sowieso nicht.] Bei Monica Vitti [wie hier schon tausendmal erwähnt: die beste, tollste, bestaussehendste Schauspielerin aller Zeiten] dann aber leider doch einen leichten Hang zum Overacting feststellen müssen. [B. nahm sie in Schutz und meinte, das hätte Antonioni bestimmt so gewollt. Glaub ich aber nicht.] Mich dann noch im Foyer am Büffet mit den gesponsorten Leberwurststullen der Trattoria Soundso gefragt, in welchen Regisseuren etwas Antonionihaftes heute noch weiterlebt. Das Langsame, das nichterzählerische Erzählen, das Dokumentarisieren von Architektur und Natur, der melancholisch-biestig-schweigende Frauentypus [ein sehr verklärtes, männlich-heterosexualisiertes Frauenbild]. Petzold, Haneke und Lynch vielleicht. Aber eigentlich gefällt mir Antonioni als Filmgeschichtsmonolith, ganz unweiterlebbar und unnachahmbar, am besten. [Noch bis Mitte Januar ist die bis auf ein paar Kurzfilme komplette Antonioni-Retrospektive im Berliner Arsenal zu sehen.]

Link | 9. 12.2009 |