Lovink

Wer darf sich heute zur Netzavantgarde berufen fühlen?
Ich würde gerne sehen, dass es so etwas wie eine Netzavantgarde überhaupt gibt. Anfang der Neunziger konnte man vielleicht von einer solchen Bewegung sprechen. Da gab es Leute, die verstanden hatten, was für einen überwältigenden Einfluss das Internet auf die Gesellschaft haben würde.

Das dürfte heute keine besonders originelle Ansicht mehr sein.
Ja, aber wenige der Ideen, die damals entstanden sind, haben sich wirklich durchgesetzt. Einer der zentralen Gedanken der damaligen Zeit war die Veränderbarkeit der Identität. Die Internetkultur ist jedoch in eine völlig andere Richtung gegangen. Es geht heute im Netz um eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde. Das war so nicht gedacht. Man wollte damit viel spielerischer und kreativer umgehen.

Die Möglichkeit ist doch noch vorhanden.
Ja, aber sie wird nur von wenigen genutzt. Die sozialen Netze, die in den letzten Jahren aufgebaut worden sind, sehen in der Virtualität eine reine Kopie der realen Welt. Die Benutzer finden das prima. Das Netz ist eine Tragödie der Selbstrepräsentation.

[FAZ: Interview mit Geert Lovink. Lovink, auch so eine Webperson, die mich meine Internetzeit hindurch mit Interviews begleitete. Wenn ich mich richtig erinnere, redete er fast nie Quatsch und hat so einen sympathischen unbusinesshaften Web-Approach, der das Internet nicht als permanente Geschäftsidee oder Eigen-PR-Schrein definiert, schätzt und wahrnimmt.]

Link | 4. 01.2010 |