Fossilien

Gehorsam windet sich der Körper aus dem Bett, zuckt zusammen unter einem stechenden Schmerz im arthritischen Daumen und im rechten Knie, spürt ein leichtes Übelsein vom Magen her und schlurft nackt ins Badezimmer. Dann tritt es vor den Spiegel. Was es dort zu sehen bekommt, ist weniger ein Gesicht als der Ausdruck einer Verlegenheit. Hier steht geschrieben, was es sich angetan hat, was achtundfünzig Jahre an Spuren hinterlassen haben, ausgedrückt in einem gequälten, abgestumpften Blick, einer vergröberten Nase, einem Mund, der – wie in Verbitterung über die eigenen Giftstoffe – in den Winkeln heruntergezogen ist, eingefallenen Wangen und einem in winzigen runzeligen Falten schlaff hängenden Hals. Der gequälte Blick gehört einem bis zur Verzweiflung erschöpften Renner oder Schwimmer – noch ist das Rennen nicht zu Ende. Die Kreatur, die wir vor uns haben, wird weiter kämpfen und kämpfen, bis sie fällt, nicht weil sie heroisch ist, sondern weil sie sich eine Alternative nicht vorstellen kann. Während es in den Spiegel starrt, erkennt es vielerlei Gesichter auf seinem Gesicht – das Antlitz des Kindes, des Knaben, des jungen und des nicht mehr ganz so jungen Mannes – sie alle sind noch da; bewahrt und konserviert wie Fossilien auf überlagerten Schichten und ebenso tot wie Fossilien. Ihre Botschaft an diese bei lebendigem Leibe absterbende Kreatur heißt: Blick uns nur an – wir sind gestorben – was ist daran so Angst errgegend?
Und es antwortet: Aber das ging so unmerklich, so leicht.

aus: Christopher Isherwood: Der Einzelgänger, 1964

A single man in Madrid in einer Nachmittagsvorstellung im Kino gesehen. Zusammen mit ganz vielen Rentnerinnen. Ich liebe madrilenische Rentnerinnen. Sie gehen im Kostüm und geschminkt in Filme in Originalfassung mit spanischen Untertiteln und danach trinken sie Kaffee und Brandy in irgendeiner Schmuddel-Bar mit LCD-Fernsehern. Der Film ist nicht schlecht bis ganz gut, obwohl Tom Ford Regie geführt hat. Weil Tom Ford Regie geführt hat, ist der Film etwas überausgestattet, und man hat den Eindruck, Ford wollte den Film noch richtiger, authentischer und schöner machen als drei Staffeln Mad Men zusammen. [Jon Hamm aka Don Draper darf auch als Telefonstimme mitmachen und dem Protagonisten die Todesnachricht übermitteln]. Der Protagonist, sehr gut gespielt von Colin Firth, bewohnt einen wunderbar edelverholzten, geradlinigen, geometrisch-teilverglasten Wallpaper-Bungalow, bei dessen Anblick der Betreiber des Blogs Unhappy Hipsters wahrscheinlich 24 Stunden am Stück kotzen müsste. Aber die spanischen Rentnerinnen und ich fanden den Bungalow schön. Und schließlich ist ja der leidende Protagonist nun mal ein unhappy Hipster der Sechziger Jahre. Julianne Moore spielt die Tanqueray-trinkende Jugendfreundin, spricht mit englischem Akzent und macht ihre Sache ganz gut. Vielleicht wäre eine weniger bekannte Schauspielerin die bessere Besetzung gewesen. Ich persönlich habe mich an Julianne Moore nun endgültig übersehen. [Mir kurz überlegt, ein Yes/No-Entscheidungsdiagramm für schwule Regisseure zu entwerfen, bei dem am Ende herauskommt, welche Schauspielerin die einzige weibliche Rolle im Film übernehmen soll: Cate Blanchett, Julianne Moore, Tilda Swinton oder Charlotte Rampling.] Der male beauty wird erwartungsgemäß nicht zu knapp gehuldigt: Jungstudenten in weißen Mohairpullovern, ein paar Schwimm- und Duschszenen, Jon Kortajarena [Jon Kortajarena Redruello, born 19 May 1985 in Bilbao, Spain, is a Spanish male model. Known for his distinguishing chiseled cheekbones, piercing stare, and full pout.] im weißen James-Dean-Shirt. Aber alles schön kadriert und in Szene gesetzt. Aber alles zu schön kadriert und zu schön in Szene gesetzt.]

Link | 11. 03.2010 |