eintausendeinhundertundzwanzig

Im Zug nur den obernervigen Gangplatz ganz hinten, letzte Reihe, neben der automatischen Schiebetür abbekommen. Der automatische Öffnungsmechanismus ist so eingestellt, dass sich die Tür für Durchgehende nur dann öffnet, wenn diese ganz genau davor stehen bleiben, also niemals zügig durchgehen können. Dafür ist der automatische Öffnungsmechanismus für am Gang Durchsitzende so eingestellt, dass sich die Tür immer öffnet, sobald man eine Buchseite umblättert oder den gangseitigen Ellenbogen um fünf Zentimeter bewegt. In rentnerischer Aufgebrachtheit mal kurz nachgerechnet, wie oft sich diese zischende, pneumatiscch betriebene Türe neben mir geöffnet und wieder geschlossen hat. Viermal pro Minute auf einer 280 Minuten währenden Zugfahrt, macht also eintausendeinhundertundzwanzig Mal. Beim nächsten Mal also unbedingt kein Buch, keine Zeitung, keine Zeitschrift mitnehmen und sich vorsorglich mit K.O.-Tropfen 280 Minuten lang lahmlegen, um die Gefahr eines Amoklaufs zu minimieren. Dann auch noch die qualitätsjournalistische Presse durchgelesen: SZ-Magazin, FAZ und Spiegel. Welche Ödnis, zumindest streckenweise. Um mal direkt loszubashen, Namen zu nennen und es mir mit allen zu verderben: die todlangweiligen Kolumnen von Georg Diez und Axel Hacke. Der betuliche, uncharmante Ton in den sogenannten Reportagen von Marcus Jauer. Die Mainstream-Pop-Schreibe von Tobias Rapp. Das ist alles ganz schlimm, zumal man ja weiss, dass diese Leute eigentlich ganz gut schreiben können, wenn sie es denn nur täten. Aber jetzt hocken sie auf ihren Positionen, liefern Texte ab und ich muss das wöchentlich bis an mein Lebensende lesen, was mich am allermeisten deprimiert. Egal. Andere Sachen lesen.

Link | 25. 03.2010 |