Antwerpen

Sonntags dann hinübergelaufen zum kürzlich eröffneten Museum am alten Hafen, um den herum alles neu gebaut und Altvorhandenes renoviert wurde. Alte Lagerhallen, in deren Obergeschossen sich nun Großraumbüros befinden. In den Erdgeschossen Cafés, Sushibars und Schnickschnackläden, in denen Leute wie ich sitzen, Cappuccino trinken und sich japanische Kugelschreiber in Neonfarben kaufen. Daran angrenzend ein Yachthafen mit Holiday-Inn-Hotels im Alexanderplatz-Style. Man will das alles nicht richtig schön finden, auch wenn man Antwerpen durchaus das Recht zugesteht, aus mehr als aus barocken Giebelhäuschen und Sechziger-Jahre-Apartmentbauten bestehen zu wollen.

Die populäre Hauptattraktion des neuen Museums stellt eine kostenlos zugänglichen Dachterrasse dar, die über mehrere Rolltreppen zu erreichen ist und sich vor allem bei Gehbehinderten und über Achtzigjährigen großer Beliebtheit erfreut. Alle schauen in Richtung historisches Stadtzentrum und zeigen sich gegenseitig Sehenswürdigkeiten, die sie auch von oben erkennen. Nur ich schaue zu dem weniger attraktiven Stadtteil hinüber, in dem sich mein Hotel befindet.

Im Lichthof und Raucherbereich meines sogenannten Apartmenthotels sitzen ukrainische Wanderarbeiter mit nacktem Oberkörper und spielen schweigend ein mir unbekanntes Brettspiel mit dominoähnlichen Steinen. Unsere heimliche Abmachung lautet: Wir grüßen uns nicht, lassen uns gegenseitig in Ruhe, finden uns weder sexy noch intellektuell interessant und werden uns nie wiedersehen. Ich durchquere zügig den Lichthof und fahre mit dem Aufzug nach unten. Vor dem Eingang sitzt die Frau aus der Rezeption mit ein paar Russen auf dem Boden und winkt mir zu. Ich winke zurück. Ungefähr so wie man jemandem zuwinkt, den man fünf Jahre nicht mehr gesehen hat. Es winkte einfach so aus mir heraus. Das Winken des Alleinreisenden.

Auf dem großen, von Bushaltestellen umstandenen Platz in der Nähe des Hotels steht ein Zirkuszelt und beschallt die Umgebung mit einer Blasorchesterfassung von “Lambada”. Zwischendurch brüllt jemand “hoppa hoppa” in ein Mikrofon. Um das Zirkuszelt herum spielen belgo-kongolesische und belgo-tunesische Kinder Fußball in der Dämmerung. Am Nebentisch im Straßencafe sitzen ein paar hereingentrifizierte Viertelintellektuelle mit legeren Sakkos und trinken eine spezielle Sorte Bier, die ich natürlich auch gerne bestellt hätte, wenn ich denn gewusst hätte, wie sie heisst. Aber normales Bier ist auch okay.

Sonntagmittag erwache ich in meinem Hoteldoppelbett, das ich nur zur Hälfte benutze. Ich überlege mir, ob es mich deprimieren soll, dass ich es nur zur Hälfte benutze. Man könnte sich auch mittig legen, um eine Komplettausnutzung des Bettes zu simulieren. Ich bilde mir ein, von draußen ein von Spielsteinen verursachtes Klickgeräusch zu hören. Könnte aber auch was anderes sein. Auf der breiten Armlehne des perlmuttfarbenen Kunstledersofas, das ich zum Nachttisch umgewandelt habe, liegen eine Eintrittskarte für die Oper, eine Wagamama-Rechnung und eine Streichholzschachtel mit dem Logoaufdruck der Kaschemme, die ich in der Morgendämmerung verlassen habe. Da war ich wohl gestern überall, ohne gepeinigt, ausgezogen, angefallen, abgewürgt oder gefressen worden zu sein. Gleich laufe ich hinüber, zum neuen Museum am alten Hafen.

Link | 31. 05.2011 |